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Abschlussaufsätze der Klasse 6

Mein Leben in zwanzig Jahren - von Florian Eichel


„Daddy, Daddy, wir kommen zu spät zur Schule!!“ Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Vor mir auf der Bettkante sitzt Leo, mein im Moment ziemlich panisch wirkender Sohn, den ich über alles liebe. „Leo“, beruhige ich ihn, „es ist halb sechs, und die Schule fängt erst um neun an.“ „Ich will aber auf keinen Fall zu spät kommen...“, schmollt er. „Na komm, ich mach dir Frühstück“, muntere ich ihn auf. „Ich hab keinen Hunger“, sagt er, noch immer schmollend. Ich überlege. „Es gibt Pfannkuchen, aber wenn du keinen Hunger hast...“ „Oh Daddy, ich habe auf einmal so ein leeres Gefühl genau hier...“ Zur Veranschaulichung piekst sich Leo mit dem Zeigefinger in den Bauch. Ich lächele in mich hinein. „Gut“, erwidere ich, „dann renn schon mal voraus in die Küche und hole die Zutaten aus dem Kühlschrank; ich schaue vorher nach der Post.“ „Ist gut“, sagt Leo und schreitet mit ernster Miene davon.

Seufzend lasse ich mich in meinen seidenen Bademantel gleiten. Dann ziehe ich meine hauchdünnen Schlappen an, der neuste Trend aus Amerika, da sie doppelt so warm und leicht sind wie normale Hausschuhe und die Detonation einer Atombombe aushalten können. Schlaftrunken schlendere ich durch meine Villa. Sie liegt direkt am Zürichsee. Schon als Kind wollte ich hier wohnen, daher habe ich mir das Haus sofort gekauft, als ich das Geld für meinen ersten Mega-Bestseller „Gefecht in vier Gängen“ bekommen habe.

Inzwischen bin ich an der Haustür angekommen und beuge mich herunter, um die Post aufzuheben. Die ersten Briefe sind nicht gerade besonders: zwei Rechnungen, fünf Einladungen, zehn „Ich-liebe-dich“-Briefe... Dann fällt mein Blick auf einen Brief, auf dessen Umschlag das „Game-Freak“-Logo prangt. Ich reiße ihn sofort auf. Vor mir liegt ein in feinsäuberlicher Schrift und natürlich ohne einen einzigen Fehler geschriebener Brief von Tim, meinem alten Schulfreund:

Lieber Florian,

wie geht es Dir? Mir geht es jedenfalls super. Ich habe mittlerweile eine leitende Position bei Game-Freak bekommen und kann jetzt meiner Fantasie freien Lauf lassen, welche Pocket Monster Dein Sohn fangen wird. Ihr bekommt natürlich die neuste Pokémon-Version vor dem offiziellen Erscheinungsdatum. Ihr könnt Euch schon mal drauf freuen!

Viele Grüße, Dein Tim Becker


Zum zweiten Mal an diesem Morgen seufze ich. Denn sofort erinnere ich mich an damals, als wir in der Schule hinter dem Rücken der Lehrer heimlich Gameboy gespielt haben. Unglaublich, dass wir damals noch nicht auf einer virtuellen Tastatur geschrieben haben und ein E-Book noch etwas Besonderes war. Was heute wirklich komisch wirkt, sind die Toiletten aus der damaligen Zeit. Man musste sich doch tatsächlich hinsetzen, um etwas auszuscheiden, und sich danach sogar noch seinen Allerwertesten abwischen. IGITT! Heutzutage wird so etwas durch Teleportation erledigt. Schwupps – und schon liegt das unerwünschte Objekt auf dem Mars. So wird zwar nicht mehr die Erde zugemüllt, doch der Mars scheint leider nicht so gut damit zurechtzukommen. Inzwischen gibt es sogar statt Umweltschützern „Marsschützer“.

Neben „solchen“ Sachen haben sich auch meine Hobbys verändert. Früher habe ich Golf gespielt, heute spiele ich mit meinem Sohn Cyber-Tischtennis. Ab und zu fliege ich auch nach Vegas und spiele ein bisschen an den Tischen vom Bellagio. Vor allem aber setze ich mich leidenschaftlich für den Tierschutz ein. Besonders für die umweltbedingt mutierten Bergschimpansen, da diese durch die Mutation besonders schmackhaft geworden sind. So manches dieser faszinierenden Tiere habe ich bereits vor dem Kochtopf bewahrt. Außerdem....

BUUMMMMMMMMM!!!

Urplötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich renne in die Küche, wo Leo neben dem explodierten Herd steht und kleinlaut „tschuldigung“ murmelt. Seitdem Herde mit Nuklearbatterien betrieben werden, sind sie zu einer ernsthaften Bedrohung für die Menschheit geworden. Ich seufze zum dritten Mal an diesem Tag. Aller guten Dinge sind drei: Hey, das muss ein gutes Zeichen sein, denke ich. In diesem Moment kommt meine Frau in die Küche. Sie arbeitet bei einer Fluggesellschaft für Mondreisen. Auf den ersten Blick versteht sie, was passiert ist, und zusammen nehmen wir Leo tröstend in die Arme. Ein Glück, dass ihm nichts passiert ist. Zukünftig werde ich mich wohl für Kindersicherungen an nuklearbetriebenen Herden einsetzen. Aber erst einmal freue ich mich auf ein Familienfrühstück zu dritt. Auch ohne Pfannkuchen.